Der Moment nach der offenen Frage
Der Prototyp, um den es hier geht, entstand aus einem Bedürfnis von OSRI AG, einem Bureau für Orts- und Städtebau, Raum- und Innenentwicklung. OSRI arbeitet mit Gemeinden, Behörden und Privaten und ist besonders stark bei partizipativen Prozessen, also wenn die betroffenen Meschen aktiv bei der Entwicklung mitmachen können.
Stellt Euch einen Mitwirkungsanlass zu einer Arealentwicklung vor. Im Plenum soll nicht nur abgestimmt werden. Die Teilnehmenden sollen wirklich mit eigenen Worten antworten können:
"Was gefällt Euch am besten am vorgelegten Entwicklungskonzept?"
Solche Fragen sind stark, weil sie den vielen Stimmen im Raum wirklich Platz geben. Schwierig war bisher der nächste Schritt: Aus 500 freien Antworten entsteht nicht automatisch eine gemeinsame Orientierung. Während die Diskussion weiterläuft, bleibt wenig Zeit zum Lesen, Sortieren und Zusammenfassen.
Früher exportierte man die Antworten, las sie später, sortierte sie in Gruppen und machte irgendwann eine Zusammenfassung. Oder man erzeugte direkt eine Wortwolke. Dann standen auf der Leinwand grosse Wörter wie "Verkehr", "Kinder", "Kosten" oder "Zukunft". Das sieht schnell nach Ergebnis aus, aber so richtig orientieren kann man sich darin nicht.
Mich fasziniert genau dieser Moment: nicht erst der fertige Bericht zwei Wochen später, sondern die ersten fünf Minuten, in denen aus vielen Stimmen ein erstes gemeinsames Bild entsteht.
Warum Wortwolken nicht reichen
Wortwolken waren lange die schnellste verfügbare Antwort. Sie haben ihren Charme: Man sieht sofort, welche Wörter häufig vorkommen. Aber Wörter sind noch keine Bedeutung.
Wenn die einen "Kinderbetreuung" schreiben, andere "Schule", "Familien" oder "Vereinbarkeit", dann geht es oft um denselben Themenbereich. In einer Wortwolke zerfällt dieser Zusammenhang. Umgekehrt kann "Kosten" Mieten, Infrastruktur, Personal, Energie oder ein konkretes Projekt meinen.
Dazu kommt: Was selten ist, ist nicht automatisch unwichtig. Eine kleine Gruppe von Antworten kann genau den Punkt enthalten, über den man sprechen sollte. In einer Wortwolke verschwindet so etwas leicht. Sie ist eher ein Wetterbericht als eine Landkarte: Man sieht, dass etwas in der Luft liegt, aber nicht, wo sich ein genauerer Blick lohnt.
Hier schliesst der Gedanke an Nathalies Beitrag Von der Abschaffung von Formularen und Fragebögen an: Wenn wir Menschen weniger in Felder und Kästchen pressen, brauchen wir danach Werkzeuge, die mit freier Sprache umgehen können. Sonst verschieben wir die Mühsal nur vom Ausfüllen zur Auswertung.
Aus Antworten wird eine Landkarte
Die Idee ist einfach: Wir behandeln Freitext-Antworten nicht als Wortliste, sondern als Bedeutungsraum. Antworten, die etwas Ähnliches meinen, landen nahe beieinander, andere weiter weg. Aus vielen Punkten entstehen Verdichtungen, Nachbarschaften, Übergänge und Inseln. Kurz: Aus einer Liste wird eine Landkarte.
Hier ein Beispiel aus einer anonymisierten Auswertung zum Thema Wohnqualität im Quartier. Die Frage war sinngemäss: "Was gefällt Euch am besten am vorgelegten Entwicklungskonzept?" Das Bild stammt nicht aus einem Live-Event, zeigt das Prinzip aber gut: Verwandte Antworten rücken zusammen.
Jeder Punkt steht für eine Antwort oder eine kleine Gruppe ähnlicher Antworten. Nähe bedeutet: Diese Aussagen sind inhaltlich verwandt. Die Beschriftungen sind keine endgültigen Kategorien, sondern Lesehilfen. Sie zeigen, wo sich Themen verdichten.
Das Spannende daran ist nicht nur, dass es hübscher aussieht als eine Tabelle. Die Karte verändert die Art, wie man liest. Man beginnt oben, erkennt grössere Themenfelder und zoomt dorthin, wo es interessant wird. Man sucht nicht mehr zuerst nach der perfekten Zusammenfassung. Man bewegt sich im Material.
500 Antworten in fünf Minuten
Nehmen wir das Mitwirkungs-Szenario ernst. Am Anfang eines Plenums beantworten die Teilnehmenden eine offene Frage auf dem Handy. Während die Antworten eintreffen, beginnt im Hintergrund die Verarbeitung. Auf dem Beamer erscheint eine grobe Themenkarte.
Dann kann die Moderation live hineinzoomen.
Ein Bereich ist wegen vielen Nennungen rot gefärbt und damit besonders "heiss"? Schauen wir genauer hin. Ein kleiner Bereich wirkt überraschend klar? Öffnen wir ihn. Eine Gruppe liegt zwischen zwei grossen Themen? Dort kann eine Verbindung liegen, an die bisher niemand im Planungsteam gedacht hat.
Wichtig ist: Das ist keine abschliessende Auswertung, sondern gemeinsame Orientierung im Raum. Die Maschine nimmt den Menschen nicht das Denken ab. Sie zeigt nur schneller, wo Denken nötig ist.
Ein kurzer Blick in den Maschinenraum
Ganz ohne Einblick in die Technologie geht es bei einem Blog von mir natürlich nicht.
Der erste Schritt besteht darin, aus den Antworten sogenannte Embeddings zu berechnen: Zahlenmuster, die semantische Ähnlichkeiten zwischen Texten abbilden. Das ist auch die Technik, die semantische Suche ermöglicht; darüber habe ich schon einmal im Blog zur semantischen Suche geschrieben.
Auf diesen Bedeutungsdarstellungen kann man Nachbarschaften suchen: Welche Antworten liegen nahe beieinander? Wo entstehen Gruppen? Danach braucht es gute Überschriften. Dafür setzen wir ein Sprachmodell ein, das die ursprüngliche Frage kennt und für verwandte Antworten einen gemeinsamen Nenner findet. Das Modell soll nicht einfach das häufigste Wort abschreiben, sondern eine Bezeichnung wählen, die den Inhalt trifft.
Am Schluss macht die Visualisierung aus dem unsichtbaren Bedeutungsraum eine zweidimensionale Karte. Das ist natürlich eine Vereinfachung, aber unser Gehirn kann mit solchen Bildern sehr gut umgehen. In der Detailansicht kann man weiter hineinzoomen. Für diesen Blog sind die direkten Einzelaussagen anonymisiert, aber das Prinzip bleibt sichtbar: Die Karte ist Einstieg in das darunterliegende Material.
Warum mich der Prototyp begeistert
Ich will nicht behaupten, wir hätten eine fertige Zaubermaschine erfunden, die automatisch jede Diskussion versteht. Das wäre Unsinn. Was wir gebaut haben, ist eher ein Prototyp für eine neue Art von Orientierung. Noch nicht jedes Detail ist poliert, aber der Sprung im Arbeitsgefühl ist bereits sichtbar. Technologie macht dann nicht einfach schneller, was man vorher schon getan hat, sondern ermöglicht eine neue Handlung.
Orientierung ist noch keine Wahrheit
Bei aller Begeisterung ist mir eine Grenze wichtig: Eine Themenlandkarte ist ein Werkzeug zum Hinschauen, nicht das endgültige Urteil. Automatische Beschriftungen können danebenliegen. Gruppen können zu grob oder zu fein sein. Ein kleiner Bereich kann wichtiger sein als ein grosser. Und Nähe auf der Karte heisst noch nicht, dass man verstanden hat, was dahintersteckt.
Darum ist der Weg zurück zu den Originalaussagen zentral. Die Karte soll die Stimmen nicht ersetzen, sondern den Weg zu ihnen erleichtern. Sie sagt nicht: "So ist es." Sie sagt eher: "Hier lohnt sich ein genauerer Blick."
Das ist ein gesunder Umgang mit KI. Nicht blind glauben, nicht reflexartig misstrauen, sondern Werkzeuge bauen, die Menschen schneller an die interessanten Stellen bringen.
Fazit
Antworten auf offene Fragen waren lange der mühsame Teil von Beteiligung. Man wollte offene Fragen stellen, weil Freitext-Antworten reichhaltiger sind als Ankreuzfelder. Aber sobald sie da waren, begann die Arbeit: lesen, sortieren, zusammenfassen, Folien bauen.
Freitext-Antworten werden damit vom Auswertungsproblem zum gemeinsamen Arbeitsmaterial.
Nicht als endlose Tabelle. Nicht als Wortwolke. Sondern als zoombare Landkarte dessen, was Menschen gerade beschäftigt. Eine Karte, die nicht alle Fragen beantwortet, aber zeigt, wo sich Fragen lohnen.
Für Moderations- und Organisationsteams heisst das: Offene Fragen müssen nicht mehr automatisch bedeuten, dass danach ein Auswertungsberg wartet. Man kann sie wieder mutiger ins Repertoire aufnehmen, weil die Antworten schon während des Anlasses sichtbar und besprechbar werden.
Und nach der Diskussionsphase im Plenum ist das Material nicht verloren. Die Originalaussagen können weiterhin geprüft, Themen nachcodiert, Berichte erstellt und bei Bedarf in fundierte Analysen weiterverarbeitet werden. Die Themenlandkarte ersetzt diese Arbeit nicht. Sie ist der schnelle Einstieg ins Material.
Wenn ihr einen Anlass plant, bei dem viele Stimmen sichtbar werden sollen, sprechen wir gerne darüber, wie eine solche Themenlandkarte konkret aussehen könnte.